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Geschrieben von Christine Wild, Frankenpost; Bilder: Stefan Weinrich
am Samstag, 22. Januar 2011
Rotkäppchen wahlweise in High Heels
und Mini oder als Emanze. Die Schüler
des Johann-Christian-Reinhart-
Gymnasiums stellen
das traditionelle Märchen
auf den Kopf.
Wer ist Rotkäppchen? Was
geht in ihm vor? Ist sie Kindfrau,
Vamp oder Emanze? Dieser Frage
näherte sich – wohldurchdacht und
dabei augenzwinkernd bis brüllend
komisch – das P-Seminar Deutsch
des Johann-Christian-Reinhart-
Gymnasiums in dramatischer Form:
„Rotkäppchen reloaded“ haben sie
das Stück betitelt, das sie seit einem
Jahr, betreut von Seminarleiterin
Kerstin Krämer, selbst entwickelt,
geschrieben und am Freitagabend
in der schuleigenen Aula inszeniert haben.
Im Rahmen einer auf großer Leinwand
ausgestrahlten Talkshow, die
das Geschehen zusammenhält, berichtet
Rotkäppchen-Darstellerin Katharina
Klug der Moderatorin Svenja
Löw vomBeruf und der Berufung als
Schauspielerin und einem Drehtag,
an dem ein halbes Dutzend Regisseure
verschlissen werden. Zwischen
Mischpult, aufgeklebtem Weg und
halbbemalten Märchenwald-Pappbäumen
drängt sich dem Personal
vor wie hinter der Kamera immer
wieder die Frage auf: Wie ist dieses
Rotkäppchen, und was will und
kann das Märchen eigentlich aussagen?
Während der schwule, Anglizismen
verachtende Ästhet mit Plüschkatze
auf der Schulter (Marcio Salgueiro)
ein Laufstegtraining für Rotkäppchen
vorschlägt und sie anweist:
„Verdeutlichen Sie Ihre Liebe
und Hochachtung zur grand-mère!“,
muss das arme Mädchen im roten
Gewand beim „Streicher“ (Cihan
Gürer) im Eiltempo durch den Wald
rasen und Blumen pflücken, bevor er
auch diese Szene für überflüssig erklärt.
Ihre Energien herausschreien
lässt sie die „Hobbypsychologin“
(Tamara Wunderlich), die davon
überzeugt ist, dass die Warnung der
Mutter vor demWolf eigentlich eine
Warnung vor dem Verlust der Jungfräulichkeit
in einem Märchen über
Vergewaltigung bedeutet. Entsetzt
unterbricht sie die Hauptdarstellerin
mit den Worten: „Deine Aura pulsiert
mir zu stark“.
In High Heels und knappem rotem
Mini sieht der „Macho“ (Mike Pauker)
Rotkäppchen gern und fordert
sie – ganz dem Klischee entsprechend
– mit den süffisantenWorten:
„Würdest du bitte deinen kleinen süßen
Rotkäppchen-Arsch bewegen
und weiterspielen!“ zum Fortfahren
auf. Das gebeutelte Rotkäppchen gerät
von einem Extrem ins nächste: In
der Version der „Emanze“ (Melissa
Müller) hat die Protagonistin die Hosen
an, und die Regisseurin stellt sofort
klar: „Wir machen hier nicht auf
kleines naives Dummchen – sag dem
Wolf, dass er dich nicht mehr belästigen
soll!“
Der „Technikfreak“ (Franziska
Weiß) schließlich bringt das Fass
zum Überlaufen: Theaternebel, ein
Lichterschlauch und Star-Wars-Klänge
als Auftrittsmusik für den Wolf
umrahmen die Szene, in der Rotkäppchen
von der Mutter per SMS
aufgefordert wird, der Oma Wein
und Kekse zu bringen. Es blitzt,
scheppert und kracht – die Technik
versagt, der Drehtag ist zu Ende.Was
bleibt, ist ein begeistertes Publikum
und der hochdramatische Trailer
zum Film „Rotkäppchen reloaded –
Ein Mädchen allein im Wald".