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Geschrieben von Stefan Ernst
am Mittwoch, 29. April 2009
Was ist die Hölle?
Der Kurs Dramatisches Gestalten am „Reinhart" zeigt,
dass der Mensch ein subtiler Folterknecht sein kann.
Hof - Die Hölle - was ist das? Folterknecht und Fegefeuer?
Nicht unbedingt. Auch tyrannische Vorgesetzte können die Hölle sein. Oder
nörgelnde Schwiegermütter. Oder wenn man auf der Bühne rettungslos seinen Text
vergisst. Aber ist das die wirkliche Hölle? Was erwartet die „schwarzen
Schafe" am Ende ihres Erdendaseins? Wer kommt überhaupt in die Hölle, nach
welchen Kriterien wird ausgewählt?
Mit diesen Fragen hat sich der Grundkurs Dramatisches
Gestalten am Hofer Reinhart-Gymnasium auseinander gesetzt und die Ergebnisse
am Freitagabend in der Aula der Schule - erstmals mit Bühnenpodium und eigener
Bestuhlung - einem großen Publikum vorgestellt: Unter der Regie von
Studienrätin Kerstin Krämer gaben die Schüler Jean-Paul Sartres „Geschlossene
Gesellschaft".
Die äußere Handlung ist banal: Garcin, Journalist und Ehe-
Tyrann, Estelle, hübsche und gut betuchte Pariserin, die ihr Baby ertränkt hat,
und Ines, lesbische Postangestellte, die ihre Freundin Florence in den
Selbstmord getrieben hat, werden nach ihrem Ableben vom Kellner (so ernst wie
korrekt, auch in grotesken Situationen: Henrik Rubner aus der K 13 der Waldorfschule)
in einen Raum geführt, der gemütlich mit Sofas und Bronze-Figur ausgestattet
ist. Das soll die Hölle sein? Schnell stellt sich heraus: „Die Hölle, das sind
die anderen!". Sehr männlich lässt Franziska Aurnhammer (K 13) Garcin erscheinen:
Genervt vom Gerede der Frauen verharrt er, das Gesicht in die Hände gestützt,
um im nächsten Moment aufzuspringen, zu rebellieren, die Öffnung der Tür zu
fordern. Er ist desertiert und erstrebt allein die Anerkennung der hochintellektuellen
Ines, ihre Absolution. Doch diese hat andere Sorgen: Hart und direkt spricht
Corinna Schwarz (K13) aus, was denkt, verleiht der Figur durch kühle,
entschlossene Gesten eine beängstigende Schärfe - nur wenn es um Estelle geht,
wandelt sich ihr Wesen plötzlich. Einfühlsam buhlt sie um die Gunst der
schönen Pariserin, die Maria Erl (K13) so herrlich naiv und einfältig gibt.
Immer wieder versucht diese, ihrerseits nicht im Geringsten an Ines
interessiert, mit großem Augenaufschlag und lasziven Posen Garcin für sich zu
gewinnen - nicht um seiner selbst willen, sondern einzig ihren weiblichen
Trieben folgend. Es wird geschrien und getobt,
aber auch gesäuselt und geküsst, menschliche Abgründe tun
sich auf. Herzhaftes Lachen über groteske Aussagen und Betroffenheit wechseln
sich ab. In relativ reduzierter Ausstattung setzt Kerstin Krämer auf die
Personenregie, grenzt die einzelnen Charaktere stark voneinander ab und vermag
so, das Interesse des Publikums knapp zwei Stunden lang aufrecht zu erhalten.
Die Zuschauer sind entlassen, doch Garcin schließt mit den Worten: „Also, machen
wir weiter."